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First published in: Biblische Notizen 81 (1996) 8-14 ©.

Die Windeln Jesu (Lk 2) - Nachtrag
Zum Gebrauch von SPARGANON bei Philo von Alexandrien

Joachim Kügler, Bonn

In meinem ersten Beitrag zur Thematik, der ebenfalls in den BN erschienen ist,1 habe ich versucht, die Zeichenqualität des in Lk 2 erwähnten Wickelns Jesu in semantischer Kongruenz zu jener der Krippe näher zu bestimmen. Letztere stellt ja ein durchaus ambivalentes Zeichen dar. Einerseits ist sie Teil eines Szenerie, die auf Jesus als davidischer Messias hinweist, andererseits bringt sie einen deutlichen Kontrast zu den (im Hellenismus wie in Teilen des Judentums) gängigen Vorstellungen von der hoheitlichen Würde eines göttlichen Weltherrschers zum Ausdruck. Ich wollte zeigen, daß die Windeln diesen Zeichencharakter insofern verstärken, als sie einerseits auf die Topik hellenistischer Herrscherideologie, andererseits aber auch auf jüdische Kritik daran verweisen.

Durch das Heranziehen religionsgeschichtlichen Materials sollte wenigstens partiell der zeitgenössische Konnotationsraum beschrieben werden, in den hinein der lukanische Text spricht. Dieser Konnotationsraum erstreckt sich einmal in Richtung auf die zeitgenössische Herrscherideologie und zum zweiten in Richtung auf jüdische Erwartungen eines messianischen Königs. Als wichtige hellenistisch-jüdische Quelle habe ich auf die Weisheit Salomos hingewiesen. Inzwischen bin ich auf weiteres Material aus dem Bereich des ägyptischen Judentums aufmerksam geworden, das mir so interessant erscheint, daß es nicht übergangen werden sollte. Es handelt sich um Texte aus Werken des Philo von Alexandrien.

Ein kleiner Überblick soll verdeutlichen, worum es an den Belegstellen jeweils geht:

I. Wickeln als selbstverständliche Sitte

n Aet 67: Dieser Text sei zuerst besprochen, weil er insofern eine Ausnahme darstellt, als hier nicht das Substantiv verwendet wird, sondern (wie in Lk 2) das Verb und zwar als Kompositum KATASPARGANOW. Hier wird - als Argument in einem völlig anderen Zusammenhang - darauf hingewiesen, daß Ammen und Mütter Säuglinge in Windeln wickeln, um sie vor Hitze und Kälte zu schützen. Die Tatsache, daß dies als Argument verwendet werden kann, setzt die kulturell gegebene Selbstverständlichkeit solchen Tuns voraus. Wir haben hier also neben Weish 7,4 und Ez 16,4 LXX einen weiteren Beleg dafür, daß das Gewickeltwerden nichts Außergewöhnliches darstellt, sondern als etwas völlig Gebräuchliches angesehen wurde.

Bei den anderen Texten findet sich die substantivische Form, die sich - ohne daß große Bedeutungsunterschiede zu erkennen wären - mit leichten Variationen aus den folgenden Hauptelementen zusammensetzt:2

II. Die Wendung im Kontext von Erziehung

Erziehung im negativen Sinn:

1. Ebr 198: Die einfachen Leute werden noch von ihren Windeln an (AP' AUTWN ETI SPARGANWN) darauf gedrillt, einmal eingeführte Bräuche und Satzungen ohne Widerrede zu befolgen.

2. LegGai 170: Der ägyptische Sklave Helikon, der am Hof des Kaisers gegen die Juden agitiert, wurde noch aus den Windeln (EX ETI SPARGANWN) gelehrt, Juden zu verleumden.

3. Prob 98: Hier geht es um Autoren, deren Werke in der hellenistischen Kultur zum Bildungskanon gehören, weshalb über ihre Gedanken gesagt werden kann, daß Griechen und Barbaren mit diesen aus ihren Windeln (EX AUTWN SPARGANWN) aufgezogen wurden.

4. Som 1,152: Die Schlechten gelangen in den Hades, weil sie aus den Windeln (EK SPARGANWN) an das Schlechte gewöhnt wurden.

5. Som 2,9: Auch an dieser Stelle geht es um schlechte Erziehung. die Rede ist von Menschen, die von ihren Windeln an (AP' AUTWN SPARGANWN) in verweichlichten Sitten erzogen wurden.

6. SpecLeg 1,313: Die Heiden töten die Seelen ihrer Kinder, indem sie ihnen die Wahrheit des einen Gottes vorenthalten, die man doch noch aus den Windeln (EX ETI SPARGANWN) kennen sollte.

7. SpecLeg 1,332: Die Verehrer vieler Götter kennen die Wahrheit nicht, die alle aus ihren Windeln (EX AUTWN SPARGANWN) kennen sollten, nämlich die des einen Gottes.

8. SpecLeg 4,68: Die Lüge wird Kindern vom ersten Entstehen und aus ihren Windeln (EK /.../ SPARGANWN AUTWN) vertraut gemacht.

Erziehung im positiven Sinn:

9. SpecLeg 4,150: Kinder sollen von ihren Eltern nicht nur Hab und Gut, sondern vor allem die überlieferten Sitten erben, in denen sie erzogen wurden und aus ihren Windeln (EX AUTWN SPARGANWN) mitlebten.

10. VitAbr 112: Sarah weiß noch aus den Windeln (EX ETI SPARGANWN) um das Dogma, daß bei Gott kein Ding unmöglich sei.

11. LegGai 115: Die Juden werden sozusagen aus ihren Windeln (EX AUTWN /.../ SPARGANWN) unterwiesen, an den einen Gott zu glauben. Der Kontext weist auf den daraus resultierenden Konflikt mit dem Anspruch des Kaisers, ein Gott zu sein.

III. Texte allgemeinen Charakters

1. Ebr 51: Diejenigen, die von ihren Windeln (AP' AUTWN SPARGANWN) zur Philosophie streben, müssen scheitern.

2. Sac 15: Noch aus den Windeln (ET' EK SPARGANWON) hat der Mensch Laster an sich.

3. Sobr 24: Der Liebhaber der Tugend wird noch aus den Windeln (EX ETI SPARGANWN) in den Ältestenrat der Einsicht berufen.

4. SpecLeg 2,239: Die Liebe zu den Eltern wird den Seelen der Kinder von der Natur aus den Windeln (EK SPARGANWN) eingegeben.

IV. Texte mit königlichem Bezug

1. LegGai 54: Die Wendung steht im Kontext einer Rede von Gaius Caligula (LegGai 53-56). Der Kaiser lehnt die guten Ratschläge des Macro ab und beruft sich dabei darauf, daß er in seinen Eltern und übrigen Verwandten, bis zurück zu den Ahnen und Gründern seines Geschlechts, noch aus den Windeln (EX ETI SPARGANWN) unzählige Lehrer in der Kunst des Regierens gehabt habe.

2. VitMos 1,88: Im Kontext der Exodus-Erzählung wird der ägyptische Pharao als gottloser Mensch voller Hybris gezeichnet, dem noch aus den Windeln (EX ETI SPARGANWN) der Hochmut seiner Vorfahren in die Seele gegeben ist.

Zur Auswertung des Befundes ist zu sagen, daß natürlich die Texte der Gruppe IV am interessantesten erscheinen, was einen Bezug zur Topik der Herrscherverherrlichung angeht. Hier dürfen allerdings keine voreiligen Schlüsse gezogen werden, weil sich aufgrund des sprichwortartigen Charakters, den die entsprechenden Formulierungen bei Philo zu haben scheinen, ein direkter Bezug zur Vorstellung vom "Regieren auf den Windeln" nicht gerade aufdrängt. Das gilt umso mehr, als die Texte unter IV keine eigene, sie von anderen Textgruppen abhebende Formulierung zeigen. EX ETI SPARGANWN findet sich auch in Gruppe II, etwa in II.2 und II.6.

Besonders die Texte der Gruppe II, wo es um Erziehung geht, machen aber deutlich, daß die Wendung bei Philo zunächst vor allem einen Sachverhalt ausdrückt, den im Deutschen Ausdrücke wie "etwas in die Wiege gelegt bekommen" oder "etwas mit der Muttermilch aufsaugen" bezeichnen.

Es geht bei der philonischen Wendung darum, deutlich zu machen, daß die Qualitäten, die ein Mensch als Erwachsener zeigt, ihm schon für seine früheste Kindheit zugeschrieben werden müssen. Die unheilvolle Wirkung einer verkehrten Erziehung ist dabei ebenso inbegriffen (II,1-8), wie umgekehrt die positive einer guten jüdischen (II,9-11). Religionssoziologisch zutreffend wird hier das Judentum als eine Religion begriffen, die sich durch die Vermittlung des Familienverbandes trägt. Jude oder Jüdin wird man nicht durch Bekehrung, sondern ist es durch die Überlieferung, in der man schon als junger Mensch mit anderen zusammen lebt. Die Wendung hat dabei hyperbolischen Charakter, denn natürlich wußte Sarah (II.10) als Wickelkind von der Allmacht Gottes ebenso wenig, wie Helikon (II.2) vom alexandrinischen Antisemitismus. Diese grundsätzliche semantische Charakterisierung scheint mir auch für die Texte der Gruppe III weitgehend zuzutreffen, selbst wenn dort der Erziehungsaspekt weitgehend ausgeblendet bleibt.

Gerade der Erziehungsaspekt scheint das größte Hindernis zu sein, um die philonische Wendung mit der Vorstellung vom "Herrschen auf den Windeln" in Verbindung zu setzen. Schließlich ging es dort ja gerade um die Aussage, daß die Herrscherqualität als nicht erlernt und nicht anerzogen, sondern als von Natur aus gegeben und dem Wesen der Person zugehörig bezeichnet werden soll. Wer auf den Windeln herrscht, ist nicht König geworden, sondern war es immer schon. Gerade aber die Texte der Gruppe IV sind durch den Erziehungsaspekt mit den Texten in Gruppe II verbunden. Sowohl der Pharao (IV.2) als auch Caligula (IV.1) haben die Auffassung von der Besonderheit ihrer Person durch die Umgebung, vor allem die Eltern erhalten.

Es ist allerdings zu beachten, daß für Philo der Unterschied zwischen frühkindlicher Prägung und Vererbung nicht allzu bedeutsam erscheint, weil er ja noch keinen genetischen Vererbungsbegriff kennt. Das zeigen II.9 und II.4. Außerdem ist festzuhalten, daß zwei semantische Grundaspekte der Texte von Gruppe II dem Windel-Topos ähnlich sind. Es geht um ein Rückprojizieren späterer Eigenschaften, das deutlich machen soll, daß eine Qualität, die jemand als Erwachsener zeigt, schon im Säuglingsalter vorhanden war. Diese Aussage hat immer hyperbolischen Charakter. Diese beiden Aspekte verbinden die Wendung in den philonischen Texten auch dann mit dem "Herrschen auf den Windeln", wenn der Aspekt der Vermittlung durch die Erziehenden die Texte in Gruppe II und IV davon zu trennen scheint.

Daß die Texte aus Gruppe IV trotz einiger Unterschiede mit der Vorstellung vom "Herrschen auf den Windeln" in Verbindung gesetzt werden können, hat vor allem zwei Gründe:

Erstens ist für die beiden Texte in IV zu beachten, daß der Jude Philo, dem soviel an der Erkenntnis des einen, wahren Gottes gelegen ist, in der gesamten hellenistischen Herrscherideologie nichts anderes als eine anerzogene Verblendung sehen kann und nicht der Meinung sein wird, daß die Herrscherqualität per se etwas Naturgegebenes sei. Das hieße ja, dem ideologischen Anspruch der Herrscher in einem Punkte nachzugeben. Deswegen muß das Selbstbewußtsein des Pharao, das nichts anderes als die traditionelle ägyptische Königsideologie zum Inhalt haben dürfte, als Torheit der Ahnen denunziert werden.

Der zweite Grund ist, daß der hyperbolische Aspekt so gesteigert werden kann, daß die Grenze zu einer Wesensaussage verwischt wird. Wenn nämlich Caligula (IV.1) seine zahllosen Lehrer, die ihn noch aus den Windeln im Regierungsgeschäft unterwiesen, anführt, dann geht die Reihe bis auf die Urahnen, die Begründer seines Geschlechts zurück. Auch sonst scheinen Personen zu den Lehrern gerechnet zu werden, die schon verstorben waren, als er geboren wurde. Es kann sich also - ganz abgesehen davon, daß auch er als Wickelkind nicht sehr empfänglich für Politik gewesen sein dürfte - gar nicht um einen realen pädagogischen Vermittlungsvorgang handeln. Eher scheint mir eine dynastische Vermittlung über Erbe und "königliches Blut" gemeint zu sein, womit eine größere Nähe zum Windel-Topos gegeben wäre. Dieses Verständnis wird bestärkt durch den weiteren Kontext. Nachdem in LegGai 55 behauptet wird, daß die Anlage zum Herrscher schon im Keim vorhanden sei, beansprucht Caligula in LegGai 56 schon im Mutterleib zur Herrschaft bestimmt gewesen zu sein.

So wurde ich noch vor meiner Geburt

im Mutterschoß, in der Werkstatt der Natur,

als Kaiser geformt.3

Bei allem stoischen Einfluß, der in den Einzelformulierungen zu finden sein mag,4 ist es doch vor allem die hellenistische Herrscherideologie, die sich hier ausdrückt. Die Vorstellung von der Formung des Monarchen im Mutterleib ist ein fester Topos der Herrscherverherrlichung, wobei die Traditionsgeschichte dieser Idee bis zu den altägyptischen Königstexten zurückführt.

Schon im ersten Beitrag wurde auf einen Hymnus hingewiesen, wo es von König Sesostris heißt, daß er schon "im Ei" mit der Königsmacht begabt war.5 Die Söhne des Sonnengottes Re, von denen der Papyrus Westcar erzählt, sind ebenfalls Könige schon im Mutterleib, denn sie werden bei der Geburt wie Königsstatuen beschrieben.6 Wenn der philonische Caligula sich auf eine solche Vorstellung beruft, um die Unvereinbarkeit der Erziehungsversuche des Macro mit seiner göttlich-königlichen Würde zu verdeutlichen, dann hat der Schluß, daß es bei den vielen "Lehrern" des Kaisers in LegGai 54 nicht um einen pädagogischen, sondern um einen dynastischen Vermittlungsprozeß geht, wirklich alle Argumente für sich.

Dazu paßt die Intention des Gesamttextes, die ja von der Auseinandersetzung mit dem Anspruch des Kaisers auf gottgleiche Verehrung bestimmt wird.7 Das bedeutet, daß es unter den zahlreichen Texten, in denen Philo Windeln erwähnt, wenigstens einen gibt, der im Zusammenhang mit dem Windel-Topos steht.

Abschließend wäre noch die Frage zu stellen, was ausgerechnet dem ägyptischen Juden aus Alexandria die SPARGANON-Wendung so nahelegt. Es kann sich natürlich einfach um eine zufällige persönliche Vorliebe handeln. Könnte es nicht aber auch sein, daß in der hellenistischen Umgebung, in der Philo lebte, und die er -historisch wohl zutreffend- 8 als der Herrscherideologie besonders zugeneigt beschreibt (LegGai 162-165), der Topos vom "Herrschen auf den Windeln" besonders virulent war, eine so gängige Vorstellung, daß sie in inhaltlich verblaßter Form zur Redewendung werden konnte?


1 Es geht um: KÜGLER, Joachim, Die Windeln Jesu als Zeichen. Religionsgeschichtliche Anmerkungen zu SPARGANOW in Lk 2, BN 77 (1995) 20-28.

2 Eingeklammerte Elemente sind fakultativ; alternative Elemente stehen übereinander.

3 Übersetzung von KOHNKE, Friedrich Wilhelm, in: Philo von Alexandrien. Die Werke in deutscher Übersetzung VII, hg. von L. Cohn / I. Heinemann / M. Adler / W. Theiler, Berlin: de Gruyter 1964, 166-266, hier 189.

4 Vgl. KOHNKE 1964, 189 Anm. 3.

5 Vgl. BN 77 (1995) 24. Es scheint sich hier um einen Topos zu handeln, der vor allem bei Sesostris I. belegt ist und im Neuen Reich ab der 18. Dynastie bewußt wieder aufgegriffen wurde. Hier sei nur auf die Kubân-Stele von Ramses II. (vgl. ASSMANN, Jan, Ägyptische Hymnen und Gebete, Zürich-München: Artemis 1975, 493-495; bes.494) hingewiesen.

6 Vgl. BRUNNER-TRAUT, Emma, Altägyptische Märchen. Mythen und andere volkstümliche Erzählungen, München: Diederichs 101991, 52 f.287.

7 In den Zusammenhang dieses Konflikts werden die Texte von Gruppe II übrigens insofern einbezogen, als in LegGai 115 der jüdische Monotheismus als Gegenteil zum Göttlichkeitswahn des Kaisers verstanden wird. Es handelt sich um die Belegstelle II.11: Der Kaiser haßt die Juden, weil ihnen aus ihren Windeln die Verehrung des einen Gottes mitgegeben ist.

8 DUNAND beschreibt den Herrscherkult im hellenistisch-römischen Ägypten als Selbstläufer, der keiner staatlichen Initiative bedurfte. Vgl. DUNAND, Françoise, Culte royal et culte impériale en Égypte. Continuités et ruptures, in: G. Grimm / H. Heinen / E. Winter (Hgg.), Das römisch-byzantinische Ägypten. Akten des internationalen Symposions 26.-30. September 1978 in Trier, Mainz: Zabern 1983., 47-56, bes. 51 ff.